5. Spätherbst 83, Ganzer Tag | Steppe | Schicksalsschlag, Nero Valerius, Gaia Acillius, Ceres Aegidius, Vesta Valerius
II. Unter dem Schleier der Pflicht
Für die Familie Acillius läuft es in diesem Jahr ausgesprochen gut. Bereits im Herbst fand die Vermählung von Ceres und Desmond statt und nun, an diesem Tag, wurde die älteste Tochter Vesta mit Nero Valerius verheiratet. Der Adel ist aufgeregt. Eine neue Königin. Eine würdige Königin. Altes Blut, das mit ebenso altem Blut verbunden wurde. Heilig nennen die einen diese Verbindung - nötig, sagen die anderen. Das normale Volk ist Zwiegespalten, während manche sich nicht für die Herkunft der Königin interessieren, zweifeln andere an der Echtheit dieser Verbindung.
Doch wie echt war die Liebe im Königshaus jemals? Aurelian und Danae hatten vielleicht einen neuen Standard gesetzt und auch Nero, als er sich für Echo entschied. Doch die Tradition war stets eine andere gewesen. Die Enttäuschung über das Verschwinden der Königin war groß - zumindest unter den Pferden des gemeinen Volkes. Der Adel behauptet mittlerweile, dass er es hätte prophezeien können.
Also macht es in vielen - aber nicht allen - Augen Sinn, wieder zur gewohnten Tradition zurückzukehren. Weg von der Heirat aus Liebe hin zu der Heirat aus logischen Gründen. Für das reine Blut, das erhalten werden musste.
Wie stolz wäre wohl Gavríil auf diese Entwicklung?
Wir schreiben den 05. Tag des Spätherbstes. Bereits am Morgen gab es vereinzelte Schauer, aber am Vormittag zeigt sich das Wetter stabil. Die Sonne hat an Wärme verloren, aber es ist nicht unangenehm. Die Temperatur liegt bei 17°C, vereinzelt tröpfelt es aus dem sanften Wolkenschleier, durch den die Sonne dringt.
Am Mittag soll die Hochzeit stattfinden, wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat. Langsam findet sich das Volk der Monarchie auf der Steppe ein, während die Familie der Braut noch mit ihr am See die letzten Vorbereitungen trifft. Der weiße Hirsch steht Seite an Seite mit einer braunen Hirschkuh am toten Baum und beobachtet das Spektakel aus der Ferne. Vielleicht ein gutes Omen?
Eine leise Genugtuung erfüllte Gaia seit dem Tag, an dem der König um Vesta angehalten hatte. Es war, als würde ein Plan, der schon immer existiert hatte, endlich aufgehen. Ihre Familie war - wieder - mit dem des Königshauses vereint. Der Schlick löste sich von dem reinen Blut und damit war der erste Schritt in eine glorreiche Zukunft getan. Es gab nicht viel, was Gaia im Moment störte. Nicht die Maßlosigkeit ihrer jüngsten Enkelin, die seit der Hochzeit mit Desmond Aegidius zugenommen zu haben schien, nicht die Unruhe, die sie aus Vesta’s Richtung spürte. Eigentlich gab es nur eines, was ihrem Ziel nun noch im Weg stand. Und das war Garrus. Der Sohn einer niederen Dirne, einer Hexe. Für Gaia war klar, dass der Junge verschwinden musste, damit das Königreich wieder aufblühen konnte. Damit ihr Erbe an die Macht kam und nicht dieser minderbemittelte Junge, der tagein, tagaus von Dingen sprach, für die ihr einfach das Verständnis fehlte. Silas hätte Echo am besten schon nach der Entführung getötet - dann wäre dieser schwächliche Schandfleck gar nicht erst auf die Welt gekommen.
Über den anderen Bastard konnte die alte Stute im Moment hingegen fast gutmütig hinweg blicken. Er würde nie anerkannt werden und so wie er aussah, hatte er daran auch kein Interesse. Natürlich hatte sie sich trotzdem auch dafür bereits einen Plan zurechtgelegt - anders als Gavríil verließ sie sich nicht auf ihre eigenen Vermutungen. Doch solange der Bastard für den Schutz der Monarchie sorgte, in dem er im Zweifel sein eigenes Leben opferte, war Gaia geneigt, ihn zu akzeptieren.
“Mach nicht so ein verkniffenes Gesicht.”, schnarrte die Acillius und reckte leicht das Kinn, während sie Vesta betrachtete. Ihre Enkeltochter war ohne Zweifel eine Schönheit - auf ihre Art. Vielleicht ein bisschen zu schlank, das Becken dürfte breiter sein für die zukünftigen Erben dieses Landes. Was Vesta zu wenig auf den Rippen hatte, hatte Ceres dafür zu viel. Kritisch glitt ihr Blick über ihre Enkelin, sagte jedoch nichts. “Sieh zu, dass du die losen Härchen noch geglättet bekommst.”, sagte sie in Ceres’ Richtung, die gerade dabei war, Vestas Mähne zu richten. Der Ton der alten Stute war dabei streng, beinahe etwas genervt, als würde sie mit einer Minderbemittelten sprechen.
“Ich erwarte von euch Perfektion heute.”, wie eigentlich an jedem Tag. “Auch von dir.”, dabei sah sie wieder zu Ceres, dem plumperen der beiden Mädchen. “Und ich hoffe, dass du das lose Mundwerk deines Gatten heute besser im Griff hast, als beim letzten Mal. Diese unsägliche Selbstüberschätzung von diesem… Tor.”, Ja, Gaia hielt nicht viel von Desmond. Wohl aber von seinem Namen. Trotz seines Fehlverhaltens war er eine ausreichend gute Partie für ihre weniger schöne Enkelin. Anchor wäre auch noch akzeptabel gewesen, obwohl… dessen verdorbener Samen schien den Tod der Prinzessin zu verantworten. Also lieber nicht. Und da die Aegidius sonst quasi nicht mehr existent waren, Acolo sollte schließlich eine Miles heiraten - um Himmels Willen - war Desmond eben das Beste, was zu kriegen war. Er war immerhin der Retter des Königs. “Brauchst du noch Informationen darüber, was nach der Hochzeit auf dich zukommt?”, Ceres hatte es schließlich auch schon erlebt und offensichtlich überstanden. Sie glaubte nicht, dass Nero ein grober Partner war. Vesta sollte daraus kein Drama machen.
Eine der Strähnen wollte einfach nicht gerade liegen, egal wie sehr sie sich darum bemühte. Sie war seltsam kraus, erinnerte eher an ihre eigene Mähne als an die Seide, die an Vestas Hals herabhing. Und dennoch ließ diese eine unvollkommene Strähne sie heute lächeln. Sie verriet, dass sie irgendwo doch verwandt waren. Wenn man sie nebeneinander stehen sah, mochte man es kaum glauben. Aber diese eine vorwitzige Strähne...
Natürlich war das nur Gefühlsduselei. Eine wilde Strähne begünstigte ein wildes Äußeres, und ein wildes Äußeres war ein Zeichen von fehlender Kontrolle. Ihre Großmutter hatte ganz recht. Vesta war größer als Ceres, ragte über sie empor und sah jetzt schon aus wie eine Königin. Sie sah bezaubernd aus, mit dem lackschwarzen Fell und der schlanken Gestalt, aber es ging eben noch besser. Die ins Haar geflochtenen Blumen hätte es vielleicht nicht gebraucht, aber dennoch gab sich Ceres die Mühe, das nachzustellen, was die Dienstmädchen so sorgfältig geplant hatten. Wie hatte die eine noch gleich gehießen? Opal? Voller Vorfreude hatte sie gearbeitet und geplant. Es schickte sich natürlich nicht, dass eine niedere Magd einer werdenden Königin die Hochzeitszöpfe flochte, aber gestrahlt hätte sie gewiss, wenn man es ihr ermöglicht hätte. Und sie wäre darüber hinaus auch wesentlich schneller fertig gewesen.
"Ja, Großmama", sagte Ceres und glättete die Strähne, die Vesta und sie als Familie brandmarkte.
Ihre Großmutter war heute besonders erpicht darauf, sie in voller Größe erstrahlen zu lassen. Ihre Kommentare waren bissig, vielleicht sogar etwas härter als sonst. Aber wer konnte es ihr verübeln? Heute musste alles perfekt sein. Alle Augen waren auf ihre Familie gerichtet, und Gaia sorgte sich um sie. Ohne ihre Hilfe wäre all das hier nie zustande gekommen, und es war gewiss schwer, die Kontrolle loszulassen, wenn man so lange für Zufriedenheit gesorgt hatte. Dennoch hielt Ceres inne, als der Name ihres Mannes fiel.
"Er ist sehr von sich überzeugt, das stimmt." Wie er sich in die Brust geworfen hatte, als Ceres ihn beim Training angesprochen hatte. Unmöglich! Aber sie erinnerte sich auch an die Debatten, die sie abends führten. Daran, wie er den Kopf schieflegte und zuhörte, selbst wenn sie einen Standpunkt vertrat, der sich nicht mit dem seinen deckte. Wie er ihr neue Ideen gab und sie zum Nachdenken anregte, und an seine überraschende Zärtlichkeit, als sie...
"Aber er ist kein Tor."
Ihr Herz raste, doch ihre Stimme zitterte nicht.
Wahrscheinlich wäre es wohl auch ihre eigene Aufgabe gewesen, ihre Schwester zu mehr Geschick zu ermahnen. Immerhin stand ihr Aufstieg im Rang so nah, wie jeder Atemzug, den sie ein wenig zu hastig in die Kehle zog. Hatte Gaia Acillius es bereits vernommen, so musste es eine besondere Art von Gnade sein, die sie heute darüber hinwegsehen ließ, dass ihre sonst so adrette Enkelin nun den Nerven verfiel. Denn tatsächlich hatte die Nervosität Vesta nun doch übermannt. An Schlaf war nicht zu denken gewesen. Die letzte Nacht war in mehrerer Hinsicht ein Alptraum gewesen. Es war ein Wunder, dass ihre feinen Züge die Müdigkeit nicht verrieten.Ob ihre Genetik oder die gute Pflege durch ihre Bediensteten, sie sprach sicherheitshalber mehrere Dankessprüche an den lieben Herrn.
Die Ankunft des heutigen Ereignisses, so freudig es auch war, raubte ihr sämtliche Kraft. Sie hätte nicht erwartet, dass dieser Wandel so vieles in ihr aufwühlen würde. Was war mit der Vorfreude geschehen, die ihre Gedanken an ihn seit ihrem gemeinsamen Tanz begleiteten? Tatsächlich hatten sie sich kaum noch gesehen. Natürlich war sie kein kleines Kind mehr und wusste, dass es dafür keine Notwendigkeit gegeben hatte. Es war immerhin beschlossene Sache. Was gab es noch zu reden? Dennoch hatte sie sich erhofft, nun, mehr von ihm zu sehen. Alleine. Und als sie dann in der gestrigen Nacht in kaltem Schweiß erwachte, hatte sie sich jemanden an ihrer Seite gewünscht. Irgendjemand, dem sie völlig offen und ohne die Maske tragen zu müssen, von all dem berichten konnte. Woher genau diese Ungeduld, diese Unsicherheit plötzlich kam, konnte sie nicht sagen. Da waren so viele Gründe, die dann doch alle zu klein und kläglich schienen. Zumindest für eine Acillius.
Die Stimme ihrer Schwester holte sie aus ihrem Gedankensumpf. Richtig. Sie hätte Ceres wohl ermahnen sollen, sorgsamer, geschickter mit dem Haar der künftigen Königin zu sein. Aber nur für dieses eine, letzte Mal, wollte sie das Schimpfen ihrer Großmutter überlassen. Ohnehin war diese geübter darin. Wie sie so eloquent vorführte.
Ob Ceres denn wusste, dass ihr kleiner Trotz das Herz ihrer Schwester etwas zu beruhigen vermochte? Es war das letzte Mal, dass sie es sein würde, die ihr bei Vorbereitungen half. Das letzte Mal, dass sie hier gemeinsam den endlosen Tadeln der roten Matriarchin unterlagen. Das letzte Mal in ihrem alten Leben. Gerade wollte die. gewohnte Nonchalance und kühle, erprobte Maske sich über ihre Züge legen, da stahl sich das Lächeln auf ihre Züge. "Er wählte dich zur Frau, Ceres. Er kann gewiss kein ganz so dummer Kerl sein. Nicht wahr, Großmutter?" Wie konnte man die Wahl einer Acillius jemals ins Lächerliche ziehen.
Bei den nächsten Worten musste sie dann doch verlegen schlucken. Brauchte sie noch mehr zu wissen? Sie war keine Närrin. Das nötigste ließ man die feinen Damen natürlich wissen. Aber abseits der wohlgehüteten Gefilde hatte sie bereits mehr in Erfahrung gebracht als ihr lieb war. All diese, nun, Erzählungen, die in den Klatschgruppen ihrer Generation schelmisch abgetan wurden, erweckten andere Bilder in den Köpfen der jungen Mädchen. Natürlich gingen diese - sie schluckte - Fantasien auch nicht an ihr vorbei. Was letztlich wirklich der Wahrheit entsprach, würde wohl nur ihr Gatte zum Besten tragen können. "Nicht in jenen Angelegenheiten, Großmutter. Was aber, wenn das Volk mich verpönt? Mit Unsergleichen kann ich umgehen. Wie aber die Herzen jener gewinnen, die ich nicht verstehe." Kaum hatte sie es ausgesprochen, bangte sie um die bisherige Ruhe dieses familiären Momentes. "Ich meinte nur..." Die Herzen des Volkes waren gewiss nichts, was eine Acillius zu kümmern hatte. Auch, wenn sie bald eine Valerius sein würde. Diese kleine Unachtsamkeit, und lag sie nur in der Wortwahl, würde wohl nur unnütze Zweifel aufwerfen. Am Ende würde Gaia sie doch weniger aus den Augen lassen, als sie gehofft hatte. Oh Gott. Politikstunden? Sie hätte schweigen sollen.
|