II. In Vergessenheit geraten
#91
Freudig grinsend trabte der Heiler neben der weißen Stute her. Endlich waren sie von diesem Berg runter, endlich waren sie am Sammelplatz. Seine Ohren zuckten in ihre Richtung und der Gesichtsausdruck des Braunen veränderte sich. Er war überrascht, dass sie die anerzogenen Höflichkeitsformen über Bord warf, aber das kam ihm nur recht. Ezrael nickte kichernd - auf ihre Wort eingehend: "Ja, ganz recht, das wollte ich tun."
Hach, es war wirklich befreiend mit seiner neuen Freundin zu reden, diesem Gespräch wohnte eine Leichtigkeit inne, die Ezrael nur zu gern verspürte. Doch eben jene Heiterkeit, die die zwei Pferde verspürt hatten löste sich auf, als sie eintrafen und ferne Gestalten ausmachen konnten. Die Zahl der Pferde war ungewiss, konnten sie doch durch den strömenden Regen nicht all zu weit sehen. Ein Schauer jagte über seinen Rücken, als er sich erneut der drohenden Gefahr bewusst wurde: Wenn die Felsen erstmal ihren Weg hinab ins Tal gefunden hatten, dann waren sie selbst hier nicht mehr sicher. Wie viele Verletzte würde es geben - wie viele Tode?
Tuanas Worte holten ihn aus seinen trüben Gedanken und er schüttelte den Kopf, ihr Gesicht betrachtend. "Ich auch nicht." Die Sorge um seine Artgenossen lag schwer in seiner Stimme und die Worte kamen nur langsam über seine Lippen. Ein Schnauben verließ seine Nüstern und ein erneutes Lächeln zeigte sich. "Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Trübsal blasen. Das können wir auch später noch tun."

Gerade wollte er Tuana und allen anderen erklären, wie wichtig es doch war, dass sie immer positiv dachten, doch dann schoben ihn weiche Nüstern bestimmt vorwärts.. "He... so warte doch, ich war noch nicht fertig." grummelte er und folgte der Weißen nach. Wurde mürrischer, als er erkannte wohin sie gingen. "Sollen wir jetzt für unser Seelenheil beten oder was?" spöttische Worte an ihrem Ohr. Seine Schritte wurden immer langsamer, als wollte er stehen bleiben. Am liebsten wäre er auch umgekehrt und hätte Tuana stehen lassen, aber Gavriil war der Grund weshalb er blieb. Er wollte seine neu gewonnene Freundin nur ungern und auch nicht allein in die Fänge des Priesters laufen lassen. Auch wenn es ihn wirklich grämte, setzte er ein freundliches Lächeln auf, nickte brav zur Begrüßung. Schwieg aber und würde vorerst Tuana das reden überlassen, während seine Augen kurz die rote Stute musterten: Syrinx, er hatte sie schon gesehen, kannte sie aber auch nur flüchtig. Auf deren Worte hin, das irgendwer mit irgendwem ein gutes Team wäre, beugte er sich zu Tuana und flüsterte: "Das sind wir auch." verkniff sich ein kichern.

Sein Blick heftete sich auf den Priester und seine Ohren zuckten, als der Hengst ihn mit seinem Familiennamen ansprach. Nun wurde er zickig, die sorgenvollen Stimmen der zwei Stuten ignorierend. Himmel, es heißt E-z-r-a-e-l gedanklich streckte er dem Priester die Zunge heraus, hütete sich aber davor es wirklich zu tun. "Sicher. Und Ihr werdet doch sicherlich für unser aller Heil beten, nicht wahr?"

Er schielte zu Tuana, bekam nur am Rande einige Wortfetzen mit. Alle Wohlauf. Dies genügte um sein angeheiztes Gemüt wieder zu beruhigen. Im weiteren Verlauf des Gespräches kam sich der Heiler überflüssig vor, wie das fünfte Rad am Wagen. Er hatte nicht viel beizutragen, also schwieg er, hörte zu und machte sich seine eigenen Gedanken. Eigentlich wollte er ins Gebirge zurückkehren um nach Hilfesuchenden Ausschau zu halten, aber was wäre wenn er hier im Tal gebraucht würde - er konnte ja schlecht an zwei Orten gleichzeitig sein. So galt es also abzuwarten.

Tuana, Syrinx, Gavriill


am See

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#92
Dunkelheit, unendliche tiefe Dunkelheit, die sich hinter den Bergen auftürmte. Beinahe erstarrt vor dieser Ehrfurcht, die sich aus ihrer inneren Seele in die Außenwelt spiegelte, hatte die helle Stute der dunkleren nicht mehr zu gehört, was für eine ehemalige Königin wohl nicht zu erwarten war. Dennoch geschehen. Gebangt erblickte Danae, wie sich die Wolken türmten und so voller Finsternis waren, dass es sich nur krachen entladen konnte.
Vergessen war die alte Freundschaft, die Bekanntschaft, ihre liebsten Fohlen. Vergessen war das bedeutende, das unbedeutende, das wichtige. Vergessen war alles was war.

Zerreißend war der Blitz, der das Gebirge erhellte und mit einem tosenden Schlag zu Boden ging, vorbei und vergangen, bis der nächste sich bereit machte. Zerschnitten mit gleißendem Licht diese Dunkelheit, die nicht enden wollte und doch, doch es blieben Hoffnungsschimmer.

Erst langsam sickerte die realität durch, eine sehr bittere, kalte realität, die mit einem sintflutartigen Niederschlag über die Altkönigin hinweg fegte. Obsidian, Rhuen! flüsterte eine panische Stimme in ihr und ihr Kopf schwang hin zu den Fohlen. Kurz wippten die Ohren, ehe sie sah, wie der graue Hengst von Apiasante um die anderen herum sprang und sich sehr stark auf die Seite legte, er war über ein Stock gefallen.
Mehr und mehr wurden die Tropfen, der kleine war als erstes bei seiner Mutter und noch ehe Danae sah, dass auch Rhuen kommen wollte, wieherte sie ihren Söhnen zu, dass auch diese bitte herbei kommen sollte.
Noch bevor ihre Stimme im Sturm verschluckt wurde, trat eine Schimmelstute mit einem weiteren Fohlen heran.
Spartacus und Echo? ECHO! Ihr Sohn war nicht mit den beiden gekommen und das Refugium lag im Gebirge!
Danae war mittlerweile ganz gut im verstecken ihrer Ängste, welches sie im Volk zur Perfektion bringen musste.

“Oh Hallo Echo, hallo Spartacus!“ hieß sie willkommen und neigte den Kopf zu Obsidian und den anderen, die nun deutlich näher bei ihnen waren.

“Solange ihr hier in der Mitte bliebt, ist alles in Ordnung. Wir würden uns, sollte es nicht bald aufhören, zum See aufmachen, wenn dem recht ist.“ erklärte die Stute und blickte noch einmal auf das Stutfohlen und den letzten goldenen Hengste. Kurz schlug die Mutter mit dem Schweif, ehe auch in ihr sich langsam der Sturm legte, obgleich er nicht mal in der Realität schwächer wurde.
Es war nicht einmal der Wind, sondern viel mehr das donnernde Krachen der Blitze und die leicht vibrierende Erde, die ihr die Haare zu Berge stehen ließ.

“War Spartacus alleine unterwegs? Ich dachte er wäre beim König?“ erfragte Danae die gleichgestellte Echo ehe ihr Blick auf Asariel viel und die unweit entfernte Apiasante. Echos kam aus einer Adelsfamilie wollte aber wohl nie eine Sein. Sie dagegen wollte immer jemand sein, war dies nun aber nicht mehr. Welche komische Fügungen.
Danae bekam noch mit, wie eines der Fohlen nach dem anderen Fragte – glaubte Rhuens Stimme zu hören. Er war so neugierig und aufrichtig.

Echo, Asariel, Apiasante ; Obsidian, Rhuen, Kratos, Lea und Spartacus

Steppe

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#93
Quietschend schloss sich ihre Käfigtür, mit einem klacken wurde das Schloss zugemacht und die hübsche Weiße war wieder dort, wo sie immer war. Eingesperrt zwischen Regeln und Pflichten. Ezrael hatte sie schon fast vergessen, jedenfalls seine Antworten auf die ihre, da Syrinx sich zu Wort gemeldet hatte um ihr einige Sorgen ab zu nehmen. Sorgen, die berechtigt waren, denn das Wetter wurde nicht besser.

Kurz hob die Stute ihren Blick, gab ein sanftes, erfreutet Lächeln von sich.
“Es tut gut zu wissen, dass Ihr wieder hier seid, Syrinx Astoria.“ schnoberte sie und hob kurz den Kopf etwas an. Tuana meinte es ernst, denn Syrinx war eine wirklich tolle Stute, die ihrem Anstand und Adel gerecht wurde, schon wenn man ihren Namen aussprach. Keinerlei anstände hatte sie gemacht, als man ihre Vermählung bekannt gab und sie war mit dem Fremden mit gereist. Das war für Tuana ein Herzenswunsch, endlich ihren Platz im großen Ganzen einnehmen zu können. Sie wollte so sein, wie das Fuchsfell neben ihr.

Artig wie man es ihr beibrachte, sanken die Augen abermals, als Graviil seine Stimme erhob.
Angestrengt lauschte sie seinen Worten. Beinahe wie immer, wusste sie nicht so genau, was er damit meinte. Zusammen finden. Näher zusammen gefunden hatten sie sich bereits. Scheu glitt der Blick einmal zu Ezrael, der nicht weit weg von ihr Stand. Doch ihre Gedanken sprangen nicht weiter, denn sie verbot es sich. Verbot sich, ihre Zukunft aus zu malen, schließlich passierte nie etwas, was sie beeinflussen konnte. Lazarus, Desmond, Aschor und Thiannasa dachte sie, ehe ihr Herz einen Satz machte. Ares, Anchor, Koreas und Alvaro wieder stolperte das kleine Ding in ihrer Brust. Nero wäre in dem Moment nicht Graviils Stimme in ihren Ohren gewesen, das Herz hätte womöglich ausgesetzt.

Kurz hob sie wieder ihren Blick und traf den des Priesters. Samtige blaue Augen durchstachen samtige braune goldene. Ihr Kopf neigte sich seitlich, bewegte sich in der Waagerechten hin und her.

“Es tut mir leid Vater, ich bin ein Huftritt von meinem Weg abgekommen und Nero empfand es in der Situation nach Celestials Beisetzung als nicht zu dulden.“ Sei stark, eine Stute darf nie die Schwäche zeigen, die sie eigentlich in sich trägt. Ein Hengst kann keine schwachen Stuten an der Seite gebrauchen, deshalb verlasse nie deinen Weg. Du bist der Pfeiler, du hast nicht zu klagen! Verzeiht, Herr, denn ich habe geklagt.
Ich habe gehofft, habe zu viel Hoffnung in eine Freundschaft hinein gelegt, die es nicht wert war, besamt zu werden. Es wuchs zu schnell und der Samen ist eingegangen. dachte sie und betrauerte den Streit zwischen dem Schwarzen und ihr.

“Vater, es scheint, als würde er lieber alleine Trauern.“ ihre Ohren lagen nach hinten gedreht, ihr Kopf war ehrergiebig geneigt. Dieser eine Satz war so flüsternd, so zerbrechlich über ihre Lippen gekommen und nur für die Ohren des weißen bestimmt, denn es stand ihr voll und ganz nicht zu, so etwas über einen Freund, einen Hengst gar den König zu sagen. Andererseits vertraute sie dem Pater, der ihr Glaube, ihre Gesetz war.
Ihre starre, ehrergiebige Haltung blieb, solang der Hengst etwas anderes Sagte. Ganz gleich, was Ezrael nun von ihr denken sollte – obgleich ihr Herz sich wünschte, jeglicher Hengst der ihr etwas bedeutete möge sie so nicht sehen. Tuana hatte genug davon, ständig gehänselt oder ausgelacht zu werden. Gemieden, denn sie war nun einmal Gläubig und verbissene Trägerin des goldenen Käfigs für ihre Empfänglichkeit. Sie wollte nicht verbraucht sein, wollte ihr Haupt stolz empor strecken, denn Valeria und seine Gesetze waren und ist ihr zuhause. Mit allem wenn und aber. Eine Stute war nichts wert außer gutes zuhören und Gebären. Sie sollte noch gut aussehen. Ja. Das tat sie, auch wenn sie erst einen Fehltritt brauchte um zu erkennen, dass es Freundschaft – so wie sie es Nero erklärte – nicht gab. Er verstand ihre Sorgen nicht und sie verstand nicht, dass er nicht so stark war, wie er tat. Hengste waren einfach zu kompliziert.

Leise schielte sie zu dem Braunen, der immer noch hier war so wie es Graviil sagte. Vielleicht konnte sie gleich zu ihm, wenn der Pater sie freigab. Bevor das gesamte Volk und der Adel hier eintraf, könnte sie noch ein oder zwei Züge durch eine halb gehöffnete Käfigtür ziehen. Nur ein bisschen, ein winziges etwas. Das Rennen mit ihm würde sie immer im Herzen tragen, als eine weitere, seltene Erinnerung an ein Leben ohne Käfig. So wie es sein könnte. Einer Erinnerung, keine Hoffnung, aber ein leiser stiller Traum.

Syrinx Astoria, Graviil, Ezrael Achilléas

See; Treffpunkt

☽ꕥ☾
Hab keine Angst vor Deinen Schwächen
Fürchte nie Deine Fehler aufzudecken
Sei
bedacht, beruhigt und befreit
Sei auch verrückt von Zeit zu Zeit
Lerne vergeben und verzeihen
Lerne zu fesseln und zu befreien!

☽ꕥ☾
[Bild: tuana.png]
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#94
Obgleich sie von den Taten Xanthos' nur am Rande erfahren und diese Grausamkeit sie nicht unmittelbar betroffen hatte, konnte Syrinx die Schrecken erahnen, welche das Volk heimgesucht hatten. Sie waren etlicher Seelen beraubt worden und Valeria hatte dadurch nicht nur seinen stolzen Heerführer, sondern das Gefühl von Sicherheit und Unantastbarkeit eingebüßt. Das Bild Tarestostes flackerte vor ihrem inneren Auge auf. Damals, bevor sie nach Lucera gegangen war, hatte sie in ihrer infantilen Unbekümmertheit wie so vele Mädchen für den großen, stattlichen Hengst geschwärmt, welcher schlicht dem Bild eines idealen Mannes entsprach. Nachdem sie Valeria verlassen hatte, war die Schwärmerei schnell verflogen, aber die Erinnerung daran war geblieben und sein gewaltsamer Tod hatte der jungen Astoria deutlich gemacht, wie schnell und unerwartet das Leben vorbei sein konnte. Dass ihr eigener Gemahl diesem Beispiel in kurzem Abstand gefolgt war, hatte dieser Erkenntnis eine deutliche Tiefe verliehen und der Roten ein Gefühl eingepflanzt, welches sie bis heute weder recht erklären, noch deuten konnte. Unter ihrem ausgeglichenen und selbstbewussten Auftreten gährte Etwas, das Halt verlangte. Nach Sicherheit. Ein irrationales Bedürfnis nach einem Happy Ever After. Wäre Syrinx sich dessen bewusst gewesen, sie hätte sich selbst mitleidvoll dafür belächelt. So verborgen, wie es jedoch in ihrem Unterbewusstsein lag, war nichteinmal die intelligente und empathische Syrinx in der Lage, es zu erkennen.

Im Gegensatz zu den Worten Gavriíls. Ob von dem Weißen bewusst oder unbewusst auf den Weg gebracht, sickerten sie langsam durch das Gedankengut der schönen Roten, welche in jenem Moment, als er geendet hatte, für einen Atemzug lang den Blick auf den Kleriker gerichtet hielt, ehe die dunklen Augen hin zu Tuana und Ezrael glitten. Mir schien, ihr stündet euch nahe.
Das war zwar eine interessante Neuigkeit, wunderte sie jedoch kaum. Tuana war aus gutem Hause und hatte offensichtlich eine vortreffliche Erziehung genossen, was sie in den engeren Kreis der potentiellen Gemahlinnen für den König fassen ließ; doch dass Nero sie nach der Trauerfeier von sich stieß statt in seiner Trauer ihre Gesellschaft zu suchen, war ein recht deutliches Signal.... welches Syrinx jedoch ebenfalls kaum überraschte. Dem Schwarzen war schon in Kindertagen ein starker Charakter zueigen gewesen, welcher sich im Lauf der Jahre und unter der Königskrone wohl noch weiter entfaltet hatte und jene Stute, die an seiner Seite stand, musste ein ähnlich unerschütterliches Wesen sein, wie er es war. Ein zartes Pflänzchen wie die junge Aegidius hätte mit großer Wahrscheinlichkeit unter der Last der Königsbürde nichts als Unglück gefunden - so zumindest der Eindruck, welchen Syrinx im Laufe dieses Gesprächs gewonnen hatte. 

"Entschuldigt, Ezrael." Mit zwei, drei leichten Schritten hatte sie sich dem Braunen zugewandt, welcher in ein passives Schweigen versunken war. "Ich habe ein Anliegen an Euch. Gavriíl erzählte mir, dass es in Valeria derzeit kaum Heiler gibt. Daher möchte ich Euch in den kommenden Stunden gerne zur Seite stehen und in Zukunft, wenn es Euch Recht ist, mehr von Euch über das Heilen lernen."

Gavriíl, Tuana, Ezrael

See

feeling like I know the words
of a song I haven't wrote.
a song of love, a song of hope.
a song that guides me down this road.
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